… das ist Frank Berberichs Urteil über einige deutsche Journalisten. Der LETTRE-INTERNATIONAL-Chef hat drei wochen Medienwahnsinn hinter sich. Mit V.i.S.d.P. spricht er über sein Skandal auslösendes Sarrazin-Interview und die Folgen

Herr Berberich, haben Sie die gewaltige Sprengkraft des Interviews geahnt, als Sie mit Sarrazin sprachen?
Nein. Die Äußerungen, auf die sich später die Medien stürzten, hatten ja einen viel umfassenderen Kontext: Das übergreifende Thema des Heftes war die Hinterfragung der fatalen Selbstmythologisierung Berlins. Und dazu gehörte eine Betrachtung seiner Ökonomie. Das Interview war nur ein Text von insgesamt mehr als vierzig. Wir haben ihn auf Seite 197 positioniert, ohne jeden Hinweis im Editorial oder auf der Titelseite. Das macht klar, dass dem Interview nicht die Rolle des sensationalistischen Aufmachers zugedacht war, sondern die eines Hintergrundtextes zu Wirtschaft, Finanzen und Verwaltung Berlins.
Wie bewerten Sie die heftigen Reaktionen nach Veröffentlichung?
Ich halte sie zum Teil für albern und zu einem größeren Teil für interessegeleitet. Die Sensationalisierung und Skandalisierung wurde vor allem von Medien inszeniert, die damit Geld verdienen wollten. Der Springer-Verlag hat vier Zeitungen in Berlin, davon sind zwei oder drei dem Boulevard zuzurechen. BILD hat die Stadt tagelang mit Sarrazin-Titeln zugepflastert und das Thema dramatisiert und hochgeputscht. An einem Tag behauptete die Schlagzeile „Sarrazin beleidigt die Berliner“ am anderen „die Türken“, und am dritten wurde gefragt: „Hat Sarrazin doch Recht?“
Abgesehen von der Skandalisierung ist das doch legitim.
Legitimes, verantwortungsvolles Vorgehen wäre gewesen, das Interview insgesamt zur Kenntnis zu nehmen und auch den Kontext darzustellen, nämlich darauf hinzuweisen, dass die Äußerungen in einem Interview gefallen sind und Antworten auf bestimmte Fragen waren. Ich habe drei Interviewanfragen von Berliner Rundfunksendern abgelehnt, weil die Interviewer nicht bereit waren, vor dem Interview den ganzen Text zu lesen. Das sind die Krankheiten, an denen Berlin leidet: Dilettantismus, politisch-korrekte Phrasen, Irreführung, große Parolen. Aber kaum etwas wird ernsthaft diskutiert.
Ist das etwas, was Sie auch über die deutsche Medienlandschaft gelernt haben?
Ich habe auf der Frankfurter Buchmesse ziemlich bekannte Kommentatoren getroffen, die auf Medien-Websites zu dem Interview bereits Stellung genommen hatten, ohne es jedoch ganz zur Kenntnis genommen zu haben. „Ich kann doch nicht alles lesen“, sagt man dann. Noch etwas: BILD ONLINE hat das Interview eingescannt und ohne unsere Einwilligung komplett veröffentlicht und erst nach einer einstweiligen Verfügung wieder aus dem Netz genommen. Die BILD-Zeitung, die vorgibt, die Rechtsordnung der Bundesrepublik wie kein anderer zu verteidigen, füllt sich die Taschen in Nachbars Garten, weil die Kirschen dort voller und süßer sind.
Mit Wohlwollen könnte man behaupten: BILD wollte seinen Lesern so den Kontext eröffnen.
Das scheint mir eine Verkennung dessen, was eine Information ist: Nichts was irgendwo herumliegt, sondern das Produkt einer aktiven Neugierde. Je wertvoller die Information, desto knapper ist sie als Gut. Wenn BILD ein so großes Interesse am Thema hatte – warum war man nicht originell genug und hat es selbst bearbeitet? Die Möglichkeiten dazu hätte sie doch. Man muss Leuten wie Diekmann auch mal unter die Nase halten: Sie geben sich als Anstandsdamen, wenn es passt, und wenn nicht, gehen sie auf Beutezug in fremden Revieren. Abgesehen davon ist es eine groteske Heuchelei, Sarrazin Rassismus vorzuwerfen und diese üblen „Beleidigungen“ gleichzeitig soweit wie möglich zu verbreiten, indem man sie unter Verletzung des Urheberrechts auf die eigene Homepage stellt, um deren „traffic“ zu erhöhen.
Ist es journalistische Doppelmoral, einerseits die Stromlinienförmigkeit öffentlicher Persönlichkeiten zu beklagen, andererseits drauf zu hauen, wenn tatsächlich jemand mal ausschert?
Richtig. Für mich ist es ein Zeichen einer verfehlten Berufsauffassung, wenn gerade Journalisten nach einem Maulkorb rufen. Einem Journalisten, der Interesse hat an der Freilegung von Widersprüchen, sollte daran gelegen sein, dass jemand auf andere Weise spricht als es ihm der rollentypische Teleprompter zum Ablesen vorgibt. Das, was Anlass für eine substantielle Debatte sein kann, muss ausgesprochen werden dürfen, auch überspitzt. Die Aufgabe des Journalisten ist dabei die Sichtbarmachung, nicht die Unsichtbarmachung. Es geht doch nicht darum, aalglatte Interviews abzusegnen, in denen keiner mehr ein falsches Wort sagt. Als Publizist jedenfalls redigiere ich keine scharfen Stellen weg, um Scheinharmonie zu erzeugen. Eine gute Zeitschrift ist kein politisch-korrekter Filtermechanismus. Sie liefert neues Material, Beobachtungen, Analysen, Thesen. Die Welt ist so simpel nicht, dass ein Leser alles wortgläubig und unkritisch aufnimmt wie ein Gefäß, in das man eine Meinung füllt.
Warum haben Sie Sarrazin dennoch nach Abschrift des Gesprächs auf einige heikle Stellen hingewiesen?
Jedem kann in einem Moment eine unbedachte Formulierung entschlüpfen. Wir sind keine Sensationsjournalisten, und wollen auch nicht, dass sich jemand um Kopf und Kragen redet, ohne es zu bemerken. Ich habe aber nicht gesagt: Verehrter Herr Sarrazin, das ist nicht politisch korrekt, sondern gefragt, ob er die zugespitzten Äußerungen noch einmal überdenken möchte. Hätten Sarrazin oder Bundesbankpräsident Axel Weber, der das Interview wohl gelesen hatte, die Veröffentlichung tatsächlich verhindern wollen, hätten sie auch nach dem formellen Redaktionsschluss zumindest fragen können, ob man noch etwas ändern kann. Das ist nicht geschehen.
Waren Sie überrascht, dass das Interview zwar gekürzt, aber nicht entschärft von der Bundesbank zurück kam?
Nein, ich fand es gut bearbeitet. Es gibt Passagen, die heikel formuliert sind und es gibt Passagen, die empirisch oder von der Betrachtungsweise her fragwürdig scheinen. Aber es gibt darin nichts, was man nicht sagen darf. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Sarrazin sagt: „Eine große Zahl von Türken hat keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel“. Daraus macht der STERN: „Was Sarrazin ausgerechnet gegen die Obst- und Gemüsehändler hat, ist schleierhaft.“ Was soll man dazu sagen? Viele Dinge werden reflexhaft skandalisiert, ohne überhaupt nachzudenken. Es gibt zahlreiche Reaktionen, die den Schluss nahelegen: die Alphabetisierung von Journalisten nimmt rapide ab. Das hängt vielleicht mit dem Internet und dem Zeitdruck und der Konkurrenz des Online-Journalismus zusammen.
Was hat sich für LETTRE INTERNATIONAL verändert? Verkaufen Sie mehr Hefte?
Ja, aber wie gesagt: Ohne dass wir auf die Sensation spekuliert hätten. Wir haben mit dem ganzen Hype nichts zu tun. Wir haben mehr Hefte als üblich gedruckt, weil wir dachten, dass das Thema „Berlin auf der Couch“ interessant ist. Mir scheint, es gibt eine gewisse Freude darüber, dass mal wieder eine Debatte stattfindet. Es gab seit 1989 wahrscheinlich selten Situationen, in denen Leute beim Bäcker, beim Blumenladen, in der Kneipe oder der U-Bahn so lebendig diskutierten: Darf man so etwas sagen? Hat Sarrazin vielleicht nicht doch wichtige Fragen berührt? Ich glaube übrigens, dass er alles andere als verhasst ist. Er hat Züge von Ekel Alfred, aber auch von Knut dem Eisbären. Eine gut informierte, rebellische und knorzige Figur, die der Stadt mit ihren unangepassten Einreden eigentlich nur Gutes will.
Interview: Wendelin Hübner
Weblink: LETTRE INTERNATIONAL
