LIEBER TOM SCHIMMECK,

das war wirklich eine bemerkenswerte Rede, die Sie da auf dem Mainzer Mediensdisput gehalten haben, bemerkenswert deswegen, weil sie in ihrer ganzen 70er-Jahre-Haltung dem Geist der Veranstaltung entsprochen hat. Fasst man den Text zusammen, dann bleibt ungefähr dieses: Ganz weit oben sitzt ein geldgieriges Verleger-Imperium und tief unten im Bauch der Galeere darben Hunderttausende ausgebeuteter Journalisten – eine klare Täter-Opfer-Konstellation, die man so ähnlich schon vor 30 Jahren hätte beklagen können, als sich die Journalistenverbände gegen die Einführung des Computers stemmten.

Dieses Denken ist zutiefst menschenfeindlich, denn es geht von einem vormodernen Weltbild aus: die babylonische Gefangenheit des Einzelnen. Warum nur kam einem beim Lesen ihrer Rede das Fossil Margot Honecker in den Sinn, das aus dem fernen Chile kundtat, früher sei alles doch viel gerechter und fairer und auch menschlich wärmer zugegangen? Es ist nicht mal wichtig, ob die Nostalgie-Ansprache zutrifft oder nicht – die Zeit ist schlichtweg vorbei.

Man muss kein FDP-Fan sein, um die Macht der Freiheit zu schätzen. Freiheit ist ein Grundwert jeder demokratischen Verfassung. Zur Freiheit der Verlage gehört es, Honorare zu senken, Festangestellte zu knechten und die Qualität ihrer Produkte stetig zu senken. Zur Freiheit der Konsumenten gehört es, diese Produkte nicht mehr erwerben zu wollen. Und zur Freiheit von Journalisten gehört es, andere Wege zu gehen als Betteln zu gehen bei Redakteuren, die auch nicht mehr wissen wo ihnen der Kopf steht.

Dazu drei Beispiele von Kollegen, die sich diesem Täter-Opfer-Spiel entzogen haben: Gabriele Fischer, Oliver Gehrs und Stefan Niggemeier. Hätten die drei sich in ihrem bequemen Opfer-Sofa eingerichtet, würde es weder BILDBLOG noch DUMMY noch BRANDEINS geben. Fischer wie Gehrs wie Niggemeier haben von ihrer Freiheit gebraucht gemacht, die Festanstellung aufgegeben und sich in einer rapide wandelnden Medienwelt erfolgreich und vor allem qualitativ hochwertig behauptet. Sie haben ihre Autorität nicht geliehen von Verlagen oder Sendern, sich haben nicht zugewartet, sondern ihr eigenes Ding gemacht. Sie haben ihre Person oder Produkte als Qualitätsmarken etabliert. Sie haben Arbeitsplätze geschaffen. Sie sichern Vielfalt, mit Haltung, Fleiß und voller Leidenschaft. Genau diese drei Charakterzüge kommen bei den immer gleichen Jammerreden nie vor. Dabei gibt es unzählige Kollegen, junge wie alte, die die Chancen der neuen Medienwelt nutzen. Sie sind nur nicht wie früher.

Kein Gesetz in diesem Land verbietet es, selbst Verleger, Sender, Kollektiv oder schlauer Blogger zu werden. Eine Internet-Präsenz als Experte, egal für was, bietet Journalisten heute neue Chancen auf ein seriöses Erlösmodell. Theoretisch kann jeder Journalist ein Markus Beckedahl werden, der in diesem Jahr wahrscheinlich mehr Relevantes aufgedeckt hat als Altmänner-Seilschaften, die gegenseitig ihre Arbeitgeber verpfeifen.

Selten zuvor haben die Umbrüche der Medienwelt so viele Möglichkeiten eröffnet. Keine Trauer, wenn Trash auf der Strecke bleibt, weil ein Chefredakteur vier Yellow-Blätter machen muss. Haben wir in Deutschland wirklich ein Qualitäts-Problem? Nein. Kein Mensch kann all die exzellenten Sachen auch nur annähernd überblicken, die täglich auf vielen Kanälen produziert werden.

Der Markt ist nach wie vor groß und bewegt viel Geld. Die Kunden sind eher anspruchsvoller als früher. Das heisst aber nicht, dass jeder, der „was mit Medien“ machen möchte, den Anspruch auf eine Festanstellung hat. Freiheit bedeutet eben auch Wettbewerb. Und das ist gut so. Denn nur der Wettbewerb um die bessere Idee wird unsere Medienwelt dauerhaft besser machen. Dazu gehört es aber auch, neue Wege zu zeigen, zu bewerten und womöglich auch mal zu loben. Moralarrogantes Gemäkel hilft keinem, verstellt aber den Blick auf das Neue, mit dem wir uns auseinanderzusetzen haben - ob wir wollen oder nicht.

blog comments powered by Disqus