Der von Politikern bevölkerte Verwaltungsrat des ZDF wird heute Nikolaus Brenders Vertrag als Chefredakteur nicht verlängern. Der wird‘s überleben, die politisch kontaminierte Gremienstruktur des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hoffentlich nicht. 2005 schilderte Brender für V.i.S.d.P. seinen Auftritt in der Elefantenrunde, die als der journalistische Glanzpunkt seiner Laufbahn in Erinnerung bleiben wird.
“Am Wahlsonntag wachte ich um sieben Uhr in meinem Hotelzimmer im Westin Grand auf, ganz in der Nähe des ZDF. Es war ein sonniger, kühler Tag. Ich machte einen Spaziergang zum Brandenburger Tor, bevor ich um zehn Uhr ins Studio Unter den Linden ging, um mich mit meinem ARD-Kollegen Hartmann von der Tann auf die „Berliner Runde“ am Abend vorzubereiten. Wir spielten verschiedene Varianten durch, spitzten die Fragen zu, verteilten die Rollen. Die Stimmung war locker und gelöst. Wir wussten, es würde ein spannender Abend werden.
Am Nachmittag hielt ich im Reichstag ein kleine Rede an unsere Techniker und Journalisten, danach schnell zurück ins Studio zur letzten technischen Probe um fünf. Anstelle von Angela Merkel saß eine Cousine meiner Frau am Tisch, ihr Mann gab den Bundeskanzler – allerdings sehr viel angenehmer als das Original ein paar Stunden später. Wir kannten zu dieser Zeit schon die ersten Zahlen, aber ich wusste: Alles war möglich.
Der Bundeskanzler war gegen 19.45 Uhr angekündigt, kam aber etwas früher. Seine innere Spannung war zu spüren: Er lief im ersten Stock des ZDF-Studios auf und ab, mit mahlendem Unterkiefer und glasigen Augen. Er war zum Kampf gegürtet. Die Attacke stand kurz bevor.
In der Sendung eine halbe Stunde später ging es dann los. Wie der saß, seine Mimik und Gestik, erst recht was er sagte – alles deutete auf Krawall. Er griff die Medien massiv an, auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Ich konnte dem begegnen oder darüber hinwegsehen. Aber ich wusste: Würde ich jetzt nicht zugreifen, liefe die Runde aus dem Ufer. Ich wusste auch: Der Zuschauer bestraft den, der aus der Rolle fällt. Deswegen widersprach ich dem Bundeskanzler, so wie ich es bei jedem anderen auch getan hätte.
Dabei war ich gar nicht besonders aufgebracht oder emotional – in der Redaktion bin ich da vehementer, fragen Sie die Kollegen! Dabei war nicht nur der Kanzler außer sich, auch die Kandidatin. Beide zeigten sich in dieser Sendung für kurze Zeit ohne ihre Politiker-Masken.
Dass Schröder angetrunken war, glaube ich nicht. Für ihn war es die Niederkunft aus dem Orbit des Wahlkampfes. Da entlud sich Einiges. Mich erinnerte er an einen Caudillo, wie ich sie als Korrespondent in Lateinamerika kennen gelernt habe: drohend, brutal im Angriff, aber schnell in sich zusammenfallend.
Nach der Sendung winkte Schröder nur kurz und war dann verschwunden. Ich sprach noch mit Joschka Fischer, der nur die Augen rollte. Die Sendung hatte mich entwaffnet: Ich war wie ich bin. Ich lief zum Reichtag, ging aber früh ins Bett. Dort las ich ein Büchlein von Ralf Dahrendorf und freute mich an ein paar vergnüglichen Gedichten.
Im Nachhinein denke ich, dass diese Berliner Runde einen besonderen Platz in meiner Karriere einnehmen wird – als das Aufeinandertreffen mit einem Amtsträger, der sich vergaß.